Denn die Erde wird erfüllt werden von der Erkenntnis der Herrlichkeit des HERRN, gleichwie die Wasser den Meeresgrund bedecken. (Hab 2,14)

Im Markusevangelium sprachen wir darüber, dass wir im „Spiel mit Gott“ ganz in diesem Spiel aufgehen müssen, wir müssen uns gemeinsam mit Gott im Zentrum befinden und die Welt ausblenden, um ihn in unserem Leben zu erkennen.

Vor ein paar Tagen führte mir die Welt die Schattenseiten des Kind-Seins vor Augen. Ich kam von einem Spaziergang über den Michaelsberg zurück, da kam mir eine junge Familie entgegen. Von Weitem konnte man schon den etwa drei- bis vierjährigen Stammhalter hören, denn er heulte, als ob man ihm sein liebstes Spielzeug weggenommen hätte. Während wir aneinander vorbeigingen hörte ich in dem Geheule etwas, das wie „… mit dem Auto …“ klang. Da war alles klar; die kurzen Beine des Kindes fanden den Weg auf den Hügel hinauf zu beschwerlich und wollten gefahren werden – das Kind, das auf diesen Beinen lief, natürlich auch.

Ich bin sicher, dass das keine Krokodilstränen waren – die Wut, die Enttäuschung und die empfundene Unzumutbarkeit der Anstrengung waren durchaus echt und belasteten die kleine Seele aufs Äußerste. Dass körperliche Anstrengung wichtig für die Entwicklung ist, ja, dass sogar diese Grenzerfahrung der körperlichen Leistungsfähigkeit (vermutlich hatte der Corona-Herbst und -Winter zu chronischem Bewegungsmangel geführt und in dem Alter ist da noch nicht so viel entwickelt) einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zur geistigen und charakterlichen Entwicklung des Menschen leistet, das konnte das Kind nicht begreifen.

Das sind die Schattenseiten den Kindseins: Die Entscheidungen der Eltern können noch nicht verstanden werden. Wenn eine Entscheidung einen positiven Effekt auf mich hat, dann sind die Eltern gut und die besten Eltern der Welt, wenn sie mich belastet, herausfordert oder gar als Überlastung und damit als ungerecht empfunden wird, dann sind die Eltern gemein und ungerecht, garantiert empfinde ich ihre Entscheidung nicht als weitblickend. Lächerlich, dass sie sich aus Liebe zu mir mein Geheule anhören, unmöglich, wenn sie mir doch solche Schmerzen verursachen! Das Kind kann die Welt nicht anders wahrnehmen als so, denn sein Verständnis reicht noch nicht darüber hinaus. Wenn sein Verständnis mal darüber hinausreicht, wird es dieses Ereignis schon lange vergessen haben.

Anderes Beispiel: Lehrer und Schüler. Ein Lehrer hat den Auftrag die Entwicklung der Kinder im kognitiven, haptischen und sozialen Bereich zu fördern. Aber was passiert, wenn eine zu große Gruppe in der Klasse wenig Begeisterung gegenüber der Arbeit und Anstrengung des Lehrers zeigt? Genau! Sie beschäftigen sich mit anderen Dingen und betreiben ihre eigene „soziale Förderung“ – der Volksmund nennt das Unterrichtsstörung. Einige sind dabei so geschickt, dass sie kaum auffallen, weil sie ohne viel Aufsehen die Freunde in ihrem unmittelbaren Umfeld zu Blödsinn animieren können. Und dann passiert es: Ausgerechnet Fritzchen trifft die Strafarbeit! Dabei war er nur kurz (natürlich unerlaubt) aufgestanden, um sich von seinem besten Freund den Tintenlöscher zu borgen, dummerweise natürlich gerade fünf Sekunden nachdem der Lehrer angekündigt hatte, dass es den nächsten Störer treffen wird. Das Klassenzimmer ist kein Gerichtssaal, der Lehrer hat den Auftrag, durch geeignete Maßnahmen seinen Lehrauftrag durchzusetzen. Und diese Maßnahmen müssen vor allem wirken, Fairness ist wünschenswert, aber in 45 Minuten oft nicht erreichbar. Daher werden Fritzchen und heute auch immer öfter Fritzchens Eltern den Lehrer als unfähigen Pädagogen empfinden, es ihm vielleicht beim Elterngespräch auch genauso sagen und Fritzchen in seinem Groll gegen den Lehrer bestärken. Auch hier kann das Kind es gar nicht anders sehen, denn in der Tat wurde es unfair behandelt und Fairness ist in diesem Alter das alles tragende Element. Die Eltern könnten es freilich anders sehen, aber sie erinnern sich noch an das Geheule am Michaelsberg, das ihnen damals auch irgendwie weh tat und schieben deshalb Schuld und Schmerz lieber auf den Lehrer ab. So kann wenigstens der Hausfrieden gerettet werden.

Genau diesen Effekt erleben die Kinder Gottes, wenn sie nüchternen Auges den Zustand der Welt betrachten. Das kann doch alles so nicht richtig sein! Würde ein liebender Gott all den Schmerz und das Leid zulassen? Würde ein gerechter Gott all die Ungerechtigkeit zulassen? Was ist Allmacht wert, wenn sie nicht zu dem doch ganz offensichtlichen Wohl der Menschen eingesetzt wird?

Wir kennen nur diese Welt, die wir nur mäßig verstehen und wir beurteilen die Entscheidungen Gottes wie Kinder aus unserem Blickwinkel. Aus unserem Blickwinkel sind die Entscheidungen falsch. Und für uns gibt es auch nur diesen einen Blickwinkel, denn wie kann es eine höhere Gerechtigkeit geben, die ganz offensichtlich so ungerecht ist?

Der oft herangezogene Spruch „Gottes Wege sind unergründlich“ ist zwar wahr, aber gleichzeitig so ziemlich die dümmste Begründung, die man hier geben kann. Sie erklärt nichts – weil wir es nicht begreifen könnten, egal wie sehr wir es wollen. Sie tröstet auch nicht – denn sie erleichtert uns nichts und ändert auch nichts an der Situation; wir stehen trotzdem immer noch am Fuß des Hügels und schauen diesen endlos langen, steilen Weg hoch. Warum sollen wir selber gehen, wenn es Autos gibt?

Gegenüber Gott sind wir nur unverständige Kinder und wir werden nie verstehen, warum wir Dinge selber tun sollen zu denen wir bei genauer Betrachtung offensichtlich nicht in der Lage sind, weil Gott zulässt, dass ein kleiner Teil der Menschen sich nicht an die Regeln hält und der größere darunter leidet.

Wir werden auch keine Antwort in diesem Punkt erhalten – nicht, weil Gott nicht antwortet, sondern weil wir die Antwort nicht verstehen. Das sind die Schattenseiten des Kind-Seins – in der Welt und vor Gott.


Nachtrag: Vielleicht hat ja „Papa“ auf dem Michaelsberg dann irgendwann nachgegeben und seinen Stammhalter ein Stückchen getragen. Vielleicht hat man sich auch entschieden, sich nicht den Kreuzweg hoch zu quälen und ist stattdessen den ebenen und weitestgehend asphaltierten Neuen Weg gegangen. Auch der „große Papa“ entscheidet sich manchmal für Modifikationen an unserem Weg, wenn wir nur lange genug heulen, das dann in diesem Fall „beten“ genannt wird. Problematisch wird dann aber der Zeitpunkt, an dem er uns wieder absetzt und wir dann doch wieder selber gehen müssen.

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