Denn die Erde wird erfüllt werden von der Erkenntnis der Herrlichkeit des HERRN, gleichwie die Wasser den Meeresgrund bedecken. (Hab 2,14)

Gerade diskutiere ich mit einer Freundin, die von sich selbst behauptet nicht zu glauben, über meinen Glauben an Gott und stelle dabei fest, wie wichtig diese Diskussion für mich ist. Wichtig, weil ich wieder einmal herausgefordert bin, in mich zu gehen und meine eigene Position zu ergründen.

Sie hat vor allem Probleme mit Religionen (die – sind wir mal ehrlich – allesamt mit Bildern von Gott arbeiten, welche einem nicht zwangsweise plausibel erscheinen müssen), sagt sie, und ich stelle fest: Sie hat recht! Als aktiver Katholik habe ich derzeit auch diese Probleme, und zwar sogar mit meiner eigenen Religion. Wie kann das sein?

Genau das wurde mir in dieser Diskussion wieder bewusst, es ist ein Zwiespalt, den ich für mich so gelöst habe, dass ich sage: Religion ist nicht Glaube. Dabei ist mir natürlich klar, dass andere Menschen das anders sehen werden, aber diese Trennung ist Teil meines Glaubens.

Hier auf dieser Seite ist immer wieder von der weltlichen Kirchenorganisation, als Beispiel, in das ich Innenansichten habe, die katholische Kirche, und von der Kirche, die Gemeinschaft jener Menschen, die an den Gott der Bibel glauben, die Rede. Ich stelle für mich fest: Die katholische Kirche ist eine von Menschen geschaffene weltliche Organisation, in der ein großer Teil der Kirche Gottes seine Heimat hat, sie ist aber nicht die Kirche. Eine Kirchenorganisation ist weltlich und das was sie den Menschen lehrt ist Religion. Dagegen ist Glaube eine persönliche, also individuelle Erfahrung und Beziehung mit Gott.

Beispiel: Als Moses vor dem brennenden Dornbusch stand, gebot ihm eine Stimme: „Ziehe deine Schuhe aus, denn du stehst auf heiligem Grund.“ Moses glaubte an Gott, denn er hatte eine persönliche Erfahrung mit ihm gemacht. Seine Beziehung zu diesem Gott war auf dieser Erfahrung begründet. Seinem Volk gab Gott das Gesetz, er spendete ihnen eine also eine Religion. Eine Religion basiert immer auf Regeln, Ritualen und Traditionen/Festen, die im Jahreskreis zu befolgen sind. Die Kommunikation zwischen Moses und Gott brauchte aber niemals das Gesetz, die Anliegen Moses an Gott waren immer persönlicher Natur und – und das ist erstaunlich – die Anliegen Gottes an seinen Knecht ebenfalls! Und darum wurde es auch nichts, als Aaron und Mariam die gleichen Rechte und Privilegien wie Moses forderten. Aaron vertrat das Gesetz, die Religion. Moses vertrat niemanden, er lebte eine Beziehung mit Gott und zog damit Menschen an Gott. Menschen folgten Moses, weil sie diese Beziehung erkannten. Eine Beziehung kann man nicht verordnen! In der Geschichte der Religion des Alten Bundes zeigt uns Gott, dass eine Religion, verstanden als eine durch eine (weltliche) Kirchenorganisation exklusiv vertretene Repräsentanz Gottes auf Erden immer an deren eigenen Anspruch scheitern wird.

Darum hat Jesus uns auch keine Religion hinterlassen! Der christliche Glaube kennt keine Gesetze, das Gebot der Nächstenliebe ist kein Gesetz, das man im juristischen Sinne befolgen kann. Ob ich mit einer Handlung dem Gebot der Nächstenliebe folge oder nicht, muss ich immer wieder aufs Neue bestimmen; ich kann es nicht in einem Katechismus oder einem anderen kirchlichen Gesetzblatt nachlesen. Der christliche Glaube, wie ihn uns Jesus gelehrt hat, kennt auch keine Rituale. Das einzige, das Jesus in dieser Hinsicht hinterlassen hat, ist das Abendmahl zu seinem Gedenken und ich bin mir nicht sicher, ob er damit die heute übliche Eucharistiefeier meinte oder ob es ihm nicht einfach darum ging, etwas Alltägliches nämlich essen und trinken, mit seinem Andenken zu verbinden. Essen und trinken fand in den Agrarkulturen jener Zeit generell abends nach der Arbeit und im Familienkreis statt. Dieses tägliche Abendmahl war damit mit Christus verbunden, eine regelmäßige persönliche Erfahrung. In die heutige Zeit übertragen heißt das für mich einfach: Jedes Mal, wenn ich esse – egal zu welcher Tageszeit – erinnert mich das an Jesus, den lebendigen Gott, der dann aufgrund meiner Erinnerung und meines Glaubens an ihn in diesem Moment und an diesem Ort mit mir isst. Was ist mit den übrigen Sakramenten? Auch sie sind Symbole und Rituale, sie kennzeichnen unseren Weg mit Gott – ohne persönlichen Glauben sind sie ohne Bedeutung. Dagegen ist die Erfahrung derselben nicht an einen bestimmten Ort, eine bestimmte Zeit oder an die Erteilung durch eine bestimmte Person gekoppelt. Durch den Glauben, die persönliche Beziehung zu Gott, erfahren wir diese Sakramente, wann immer wir sie brauchen, denn wir erfahren hier ja nichts anderes als die Präsenz Gottes im eigenen Leben. Diese können wir erfahren in jeder Gemeinschaft mit anderen Gläubigen und, wenn es diese immer anstrebenswerte Möglichkeit gerade nicht gibt, auch allein. Selbst Buße vor Gott ist im stillen Kämmerlein möglich. Dass sie gewirkt hat, erkennen ich daran, wie sie mein Leben danach ändert (oder eben nicht).

Die hohen christlichen Feiertage, einschließlich des Sonntags, wurden allesamt von der Kirche gesetzt, also erfunden; sie sind nicht der Auftrag Jesu. Gleichwohl sind sie für ein Glaubensleben in einer Gemeinschaft essentiell, da sie Gemeinschaft zu festen Zeiten herstellen. Der glaubende Mensch, der dauerhaft nicht für sich allein glauben kann, ist auf solche äußeren Symbole angewiesen, dennoch sind es nur Symbole, die die persönliche Gotteserfahrung nach außen sichtbar machen.

So hat die christliche Kirchenorganisation, die sich dann im Laufe der Jahrhunderte in mehrere Teile aufspaltete, eine eigene Religion um den christlichen Glauben herum gebaut. Das ist ganz natürlich und – wie eben aufgezeigt – auch nützlich, wahrscheinlich sogar notwendig. Leider haben wir aber bei diesem Prozess vergessen, dass wir das waren. Die Botschaft Gottes an uns ist vollendet dort oben am Kreuz bzw. in der Auferstehung Christi am dritten Tag und der sich daraus ergebenden Verheißung.

Und so erleben wir heute die Gleichsetzung von Religion und Glaube. Konkrete Handlungen und Haltungen, die irgendwann einmal als gottgefällig oder sündhaft in das Regelwerk der Religion aufgenommen wurden, werden zu keinem Zeitpunkt mehr hinterfragt, ja selbst die Frage, ob man nicht einmal wieder kritisch über diesen oder jenen Punkt nachdenken sollte, werden verworfen, weil bereits die Frage gegen das Regelwerk verstoße. Wir haben ein Gesetz, das uns noch nicht einmal von Gott gegeben wurde, zu unserem Gott erhoben und wir wachen in der katholischen Kirche über dessen Einhaltung mit einer Einrichtung, die wir „Glaubenskongregation“ nennen.

Wenn der christliche Glaube eine persönliche Erfahrung und Beziehung mit Gott ist, zu der die christliche Religion nur einen von uns geschaffenen Orientierungsrahmen bildet, ist dann nicht schon der Name der Einrichtung falsch?

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