Jakobus stammt aus der Familie Jesu, ist also einer seiner Brüder. Bis zum Tod Jesu am Kreuz war Jakobus gläubiger Verfechter des Alten Bundes, erst nach dessen Auferstehung bekehrte er sich zur Frohen Botschaft und wurde sogar Botschafter.

In diesem Brief wendet er sich an die zwölf Stämme Israels in der Zerstreuung. Dies macht deutlich, dass nach der Niederwerfung Israels durch Nebukadnezar das Volk Gottes nie mehr in einem Land vereint war, auch wenn Jerusalem 70 Jahre später wieder aufgerichtet wurde. Die Zerstreuung seines Volkes in der Welt bleibt die sichtbare Narbe bis zu dem Tag, an dem Gott alle seine Kinder in seinem Reich versammeln will. Die Zerstreuung seines Volkes bereitet, neben dem von den Römern gut ausgebauten Straßennetz, aber auch seinem Wort, also dem Ruf zum Heil durch Christus, den Weg und einen fruchtbaren Boden in der Welt. Ja, auch im Übel der Welt kann man mit bereitem Herzen den guten Plan des Vaters entdecken.

Beim ersten Lesen des Jakobusbriefes, insbesondere nach dem Gruß zu Beginn „an die zwölf Stämme“, dachte ich zunächst – wieder einmal: Ist dieser Brief für die neuen Gemeinden denn überhaupt von Belang?

Welch unsinnige Frage, schrieb ich doch gerade zum Ende von 2. Chronika davon, dass sich heute viele Menschen in dem Graubereich zwischen Altem und Neuem Bund aufhalten. Der Jakobusbrief wurde etwa 45 n. Chr. verfasst, also gerade mal so 12 Jahre nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu – im großen Lauf der Weltgeschichte ist das weniger als ein Augenblick. In zwölf Jahren hatte es die Kunde von der Auferstehung eines Menschen aus Nazareth vermutlich gerade einmal um die damals bekannte Welt geschafft, zu kurz um bereits die ganze Welt zu verändern aber gerade genug um bei jenen zwölf in der Diaspora lebenden Stämmen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

War der Messias bereits gekommen? War das Ende der Zeit da? Was hatte er verkündet? Gab es Rettung? Ja, sicher – aber wie? Die jungen Judenchristen standen zwischen Hoffen und Bangen, die Motivation zur Erfassung der neuen Botschaft war sicher danach nie mehr so hoch wie in jenen Tagen. Gleichzeitig gab es da natürlich auch noch sowohl in der Diaspora wie im besetzten Israel die Mehrheit der Juden, die bereits die erste Frage mit einem klaren Nein beantworteten und die am Alten Bund festhielten. Schon bald machten sich Schriftgelehrte auf Missionsreise und lehrten: Du musst dich zum Alten Bund bekennen und die Gesetze einhalten um – erst danach – von Jesus gerettet zu werden. Damit war die Verwirrung komplett.

Die Situation ist heute unter den Gemeinden Christi gar nicht mal so anders! Damals wie heute befindet sich ein Großteil der gläubigen Welt im Übergangsbereich zwischen Altem und Neuem Bund.

Martin Luther prägte das Schlagwort „Rechtfertigung allein aus Glauben“ (etwas anders ausgedrückt: Allein der Glaube rettet), das sich - Kirchenspaltung hin oder her – als Grundregel christlichen Lebens durchgesetzt hat. Aber was bedeutet das? Auch heute halten bibelfeste Christen die Rechtfertigung allein aus Glauben für „zu billig“ um wahr zu sein. Sie sind der festen Überzeugung, dass der Mensch sich seine Rettung erarbeiten muss und sie berufen sich dabei gerade auf den Brief des Jakobus. Damit schreibt Jakobus direkt in unsere Zeit und Situation hinein und qualifiziert sich damit einer besonders gründlichen Begutachtung.