Denn die Erde wird erfüllt werden von der Erkenntnis der Herrlichkeit des HERRN, gleichwie die Wasser den Meeresgrund bedecken. (Hab 2,14)

Das Lied des Moses stellt die Quintessenz der vorangegangenen Kapitel dar, und sicherlich bildeten bestimmte Textstellen die Wurzel eines oder sogar mehrerer Psalmen; wenn man mal von den Psalmen des Moses absieht, die vermutlich älter als dieses Lied sind. Somit bildet das Lied des Moses sicherlich auch die Quintessenz der von ihm verfassten Psalmen ab.

Der erste Gedanke beim Lesen des Liedes des Moses brachte mir aber das uns vertraute Vaterunser ins Bewusstsein. Und weil sich der erste Gedanke zu den Kapiteln 30 und 31 als so fruchtbar erwiesen hat, werde ich dem Konzept des Vertrauens auf eine höhere Weisheit auch dieses Mal folgen:

„Herr, lehre uns das Beten“ (Lk 11,1)

„Horcht auf, ihr Himmel, denn ich will reden, und du, Erde, höre die Rede meines Mundes!“ (Dtn 32, 1)

Das Lied des Moses ist, wie es scheint, kein Gebet, denn es ist zum Menschen gesprochen. Der Sänger verkündet dem Volk die Größe ihres Gottes und doch sagt er auch: Horcht auf ihr Himmel! Indem er das Lied auch gen Himmel richtet wird es zum Gebet, zum Zwiegespräch zwischen Sänger und Gott.

„Unser Vater, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name!“ (Lk 11, 2)

„Ich will den Namen des HERRN verkünden: Gebt unserem Gott die Ehre!“ (Dtn 32, 3)

Das Volk Israel hat sich mit dem Namen des Herrn noch schwer getan und wich auf allgemeine Beschreibungen seines Wesens aus. Es trieb über die Jahrtausende diese Kunst zur Perfektion, bis Jesus dieses Menschenwerk durch einen einzigen Begriff ersetzte: Papa! Wir verkünden den Namen des Herrn, indem wir ihn mit Papa oder Vater anreden oder einem ähnlichen Begriff, der die Vertrautheit, die er uns heute gibt, ausdrückt. Wir geben ihm die Ehre, wir heiligen seinen Namen, indem wir uns vertrauensvoll als seine Kinder in seine Hand geben – nicht in vielen Worten, sondern in der Haltung unseres Herzens zu diesem Gott.

In Vers 6 wird dann doch auch beim Lied der Begriff Vater verwendet, aber hier in einem Zusammenhang mit Eigentum, wenn auch durch Wunder und Taten gerechtfertigt, so doch von außen erwirkte Unterwerfung unter einen Erzeuger, einen Schöpfer – dieser Vater ist streng, nicht zu vergleichen mit dem Papa, den Jesus uns vorgestellt hat.

„Dein Reich komme! Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auch auf Erden.“ (Lk 11, 2)

„Er ist der Fels; vollkommen ist sein Tun; ja, alle seine Wege sind gerecht. Ein Gott der Treue und ohne Falsch, gerecht und aufrichtig ist er.“ (Dtn 32, 4)

Das Lied des Moses verkündet die Macht und die Gerechtigkeit Gottes, die seine Taten an seinem Volk loben und preisen, das Vaterunser geht hier noch einen Schritt weiter: Im Vertrauen auf unseren Vater im Himmel fordern wir ihn, vor den Himmeln und aller Welt auf, nach seinem Willen zu handeln. Hier stecken die ganzen „Ich-will“-s aus den letzten Abschnitten mit drin, die ja zu Zeiten des Mose noch mit „Du sollst“ begannen. „Dein Reich komme! Dein Wille geschehe“ – da steckt bereits Achtung und erwiderte Liebe drin, da ist kein Platz mehr für die Furcht vor der Strafe.

„Gib uns täglich unser nötiges Brot!“ (Lk 11, 3)

Dass Gott die von ihm erwählten, erst recht sein unter Moses versammeltes Volk ernährt hat und ernähren wird, wird im Lied mehrfach angesprochen. Im Vaterunser ändert sich die Richtung, weil ja auch der Adressat ein anderer ist. Das Lied erinnert das Volk: Gott hat das für euch getan. Das Gebet spricht die Bitte aus: Gott tu das für mich, aber auch gleichzeitig das Vertrauen darauf, dass mein Papa das tun wird.

„Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben jedem, der uns etwas schuldig ist! Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen!“ (Lk 11, 4)

Der gesamte prophetische Teil des Liedes passt im Gebet unseres Herrn in diese zwei Sätze!

Auch wir wenden uns regelmäßig wieder von Gott ab, keiner von uns hält sich ein Leben lang auf dem Weg, den der Herr uns vorbereitet hat. Es sind diese verflixten „Ich-will“-s die uns immer wieder zu schaffen machen, denn immer wieder lassen wir aus Unachtsamkeit und aus Schwäche andere „Ich-will“-s zu, solche, die dann zumindest vorübergehend Götzen-Status in unserem Leben erreichen. Weil aber Jesus unsere Beziehung zu Gott auf ein ganz anderes Fundament gestellt hat, weil er heute unser Vermittler ist, ist der prophetische Teil in diesem Punkt hinfällig: Gott wird sich nie mehr von uns abwenden. Das ist der neue Bund.

Natürlich imprägniert uns dieser neue Bund nicht gegen weltliches Unheil. Dieses Bewusstsein kommt in den beiden Sätzen zum Ausdruck. Wir wissen, dass wir schwach sind und vom Weg abkommen werden, wir wissen, dass wir uns gegen andere und damit gegen Gott schuldig machen werden und wir wissen, dass wir seine Vergebung brauchen, die er uns großzügig schenkt. Aber wir wissen auch, dass wir nur in dem Maß Vergebung erfahren können, in dem wir bereit sind zu vergeben. Aufgemerkt! Es geht hier nicht darum, dass Gott mir vergibt, es geht darum, dass ich erfahre, dass ich spüre, dass Gott mir vergeben hat. Das ist im Grunde also keine Frage der Vergebung, sondern eine Frage der Beziehung. Wie schon bei den „Ich-will“-s gezeigt, werde ich zu Gott keine andere Beziehung aufbauen können, wie ich sie zu meinen Mitmenschen aufbaue.

In den letzten Satz kann man vieles hineininterpretieren, er spricht aber von meiner und deiner Erlösung. Es ist genau das, was auch im Lied des Moses angekündigt wird: Gott wird sein Volk retten, wenn es zu ihm umgekehrt ist und er wird Gericht halten über ihre Angreifer. Wir vertrauen darauf, dass Gott uns zugewandt ist und dass er der Sieger über das Böse ist. Wenn wir seine rettende Gegenwart nicht spüren oder nicht mehr spüren, sind wir versucht, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, eine Versuchung, bei der wir Schiffbruch erleiden werden, weil Menschen auf diesem Pfad immer früher oder später ihre zuvor redlichen Grundsätze aufgeben. Führe uns nicht in Versuchung – versichere uns immer wieder deiner Nähe in den Angriffen, denen wir ausgesetzt sind, damit wir auf dich vertrauen und nicht auf uns. Führe uns nicht in Versuchung – gibt uns nicht mehr Freiheit, als wir begreifen können. Führe uns nicht in Versuchung – gib mir nicht zu viel Leine, damit ich nicht übermütig werde.

In den Kernbegriffen Versuchung und das Böse scheint mir der Satz mit dem Exodus verbunden. Beim Weiterlesen stieß ich in Kapitel 33 auf den Satz:

„Deine Thummim und deine Urim gehören dem Mann, der dir Liebe erweist, den du versucht hast bei Massa“ (Dtn 33,8)

Bei Klick auf die Fußnote tauchte auf „Massa = Versuchung“ und es war, als ob ein großer göttlicher Finger genau darauf deutete und mir sagte: „Verfolge das!“ In Ex 17 erfahren wir dann den Hintergrund dieses Begriffes: Das Volk Israel hatte gerade die Wüste Sin durchschritten, kein Wasser mehr und wurde zunehmend rebellisch gegen Moses, so dass der sogar um sein Leben fürchtete. Auf die Weisung Gottes hin schlug er im Beisein der Ältesten mit seinem Stock auf einen Felsen und schon quoll Wasser hervor – ein sichtbares Zeichen, dass Gott mit seinem Knecht war. Den Ort nannte man Massa und Meriba, Versuchung und Herausforderung.

Im nächsten Kapitel des Lightkeepers geht es um Hiob. Mit meinem Rumpfwissen über das Buch Hiob (und den ersten paar bereits gelesenen Kapiteln) bekomme ich zusammen, dass dort der Teufel nicht als das schlechthin Böse auftritt, auch wenn er natürlich böse gegen Hiob und seine Familie handelt, sondern vor allem als Herausforderer gegen Gott.

Das alles – durch den Heiligen Geist geschickt verknüpft – wirft ein helles Licht auf den letzten Satz des Vaterunsers!

„Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse und von dem Bösen“ – Führe uns nicht nach Massa (in Situationen wie sie dein Volk dort erlebt hat), aber wenn es sich nicht vermeiden lässt, dann errette uns wie damals an jenem Ort vor dem Herausforderer, der uns dann glauben machen wird, du hättest uns verlassen. Und dieser Zusammenhang unterstreicht das oben über den letzten Satz Gesagte.

Der letzte Satz des Vaterunsers drückt die Furcht des Kindes aus, sich in Gegenwart einer Gefahr allein und verlassen zu fühlen. Auch wenn Papa gar nichts mit der Gefahr zu tun hat, wird das Kind sich fragen, warum dieser Papa das zulässt und vor allem, warum er jetzt nicht da ist. Der letzte Satz des Vaterunsers sagt also: „Bitte, Papa, bewahre mich vor Situationen, in denen ich mich (von dir) verlassen fühle. Lass mich gerade dann deine rettende Gegenwart spüren.“

5. Mose 32 >>

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